24.07.18

Westliche Marienbergspitze "Weg der weißen Schlange" (ca. 25 SL, 4-)


"Ein ansehnlicher Nebengrat, an dem sich auch im neu begonnen Jahrtausend Felswildnis genießen lässt. Die Route gewinnt ihren Reiz weniger aus einzelnen Kletterstellen als vielmehr aus der landschaftlichen Originalität einer festen weißen Felsschicht, die aus den benachbarten dunkleren Steinschichten herauspräpariert wurde zu einer vorgezeichneten Linie hinauf zum obersten Teil des Westsüdwestgrates. Nur etwas für Romantiker, die wirklich ursprüngliches Gebirge mögen und die Poesie der geologischen Strukturen genießen können."


-- Erstbegeher Richard Goedeke im Kletterführer Bayerische Alpen, Nordtirol (Rother Bergverlag, 2. Auflage 2009)

Schon lange habe ich die geologisch einzigartige, naturgegebene Linie des "Wegs der weißen Schlange" im Kopf, die auf mich eine besondere Anziehungskraft ausübt, seit ich das erste Mal auf sie aufmerksam wurde. Jedoch war sich eine Begehung noch nicht ausgegangen, was sich heute im Stil der Erstbegehung (free solo) bei besten Verhältnissen ändern soll.

Informationen zur Tour sind im Internet recht spärlich gesät und in meinem Kletterführer (s.o.) ist bei der Tour das falsche Topo abgebildet, weshalb ich das Topo des Erstbegehers hier poste.

Topo "Weg der weißen Schlange"
Voller Vorfreude geht es am wolkenlosen Morgen zum Parkplatz der Bergbahn in Biberwier und von dort auf dem schnurgeraden, angenehm steilen Montanwanderweg schnell Höhe gewinnend ...


... mit ersten Blicken zur Westwand der Sonnenspitze ...


... und zur morgendlichen Silhouette der Zugspitze ...




... zur Gabelung des Wegs zur Biberwier Scharte und Schachtkopf. Voller Tatendrang gehe ich hier auf einem schwach erkennbaren, zu tief führenden Pfad zwar in die richtige Himmelsrichtung, aber letztlich doch fehl (+ 20 Min).

Zurück bei der Gabelung des Weges erkenne ich, dass man nicht dem schwachen Pfad direkt nach Westen folgt, sondern dass der Knappensteig zunächst noch etwas bergaufwärts führt bevor er nach Westen schwenkt. Über diesen ist der Schachtkopf komfortabel und schnell erreicht (~1 h vom P).

Schachtkopf rechts
Hier fällt auch gleich der S-förmige, weiße Nebengrat mit dem "Weg der weißen Schlange" ins Auge. Toll sieht die Route aus und die Vorfreude steigt nochmal! 

Wamperter Schrofen links, Westliche Marienbergspitze mit WSW-Grat im Profil rechts
Die weiße Schlange eingebettet in schwarze Gesteinsschichten links der Bildmitte
Fernpass und Lechtaler
Danielstock mit dem Grat zur Kohlbergspitze über Lermoos
Nach einer kurzen Fotopause geht es gleich weiter mit dem Ziel fest im Blick ...


... zum Bachbett, das den Zustieg zum Fuß des Grats vermittelt. 


Am günstigsten ist es, das Bachbett noch auf dem bezeichneten Steig zu überqueren und danach auf der rechten Begrenzung (Aufstiegssinn) weglos im Schutt und Geröll aufwärts zu steigen. 


Als ich dem Fußpunkt des Grats näher komme, löst sich weit oben in der Westwand des Wamperter Schrofen eine beträchliche Menge Gestein. Kreischende Gemse flüchten im ohrenbetäubenden Lärm des Felssturzes aus dem Bachbett, das das fallende Gestein wie ein Trichter aufnimmt. Ich renne mit den Gemsen so schnell ich kann im Geröll vom Bett weg und kauere mich hinter einen Block. Steine schießen vom Blockwerk in der Rinne querschlagend mit unglaublicher Geschwindigkeit und teils in bestimmt 30 - 40 Metern Höhe gen Tal. Der Spuk ist nach wenigen Sekunden vorbei. Es bleibt eine Staubwolke am Ausbruch,  gespenstische Stimmung in der Rinne und der schnell besser verworfene Gedanke, wie es ausgegangen wäre, wenn ich mich weiter unten nicht um 20 Minuten verhauen hätte und somit zum Zeitpunkt des Felssturzes bereits weiter oben in der engen Rinne ohne Fluchtmöglichkeit gewesen wäre ...

Auf der Terasse in der Westwand des Wamperter Schrofen (Bildmitte) sieht man die sich verziehende Staubwolke des Felssturzes
Nach kurzem Durchschnaufen geht es weiter aufwärts, ...

Je näher man an den Fußpunkt des Nebengrats kommt, desto mehr vermischt sich der Kalk mit der dunklen Gesteinsschicht.
... wo es mit mulmigem Gefühl zwingend ins blockige Bachbett runter geht.


Man könnte zwar hier schon auf den latschigen Grat aufsteigen, ...


... aber im Ausblick auf den schönen weißen Kalk spare ich mir eine solche Latschensteigerei lieber. 

Am Fuß des Grats könnte man auf diesen aufsteigen.
Stattdessen steige ich in erster Krxlei in der großblockigen Rinne ...


Meine Aufstiegsrinne findet sich in der linken Bildhälfte, rechts neben dem hellen Block.
... bis zu einer glatt ausgewaschenen, leider recht feuchten Rinne auf, ...


... die es stemmend nach oben geht. Mein Zielpunkt ist die Felsformation mit einem nach rechts geöffneten Kamin weit oben am Grat.


In der rechten Bildhälfte sieht man den nach rechts geöffneten Kamin vor dem Horizont.


Auf dem ersten Absatz in der Rinne, die bis hierhin im Schwierigkeitsbereich der Schlüsselstelle der Tour (4-), evtl. einen Tick schwieriger, lag, wechsele ich von meinen dicken, steigeisenfesten Tretern, mit den ich heute ausnahmsweise unterwegs bin, in Kletterschuhe. 

Die Fortsetzung der Rinne bildet eine im Grund sehr feuchte Verschneidung mit einer glatten Platte.


Weiter links bietet sich außerdem diese Verschneidung an.


Erfreut über die vielen Möglichkeiten dank der Kletterschuhe entscheide ich mich für die Platten rechts über der feuchten Verschneidung (4/4+). 

Oberhalb steige ich in einfachem Krxlgelände zum Grat auf ...


... und auf die Formation mit dem nach rechts offenen Kamin zu.


In der heikelsten Kletterei des Tages geht es über triefend nasse Platten und durch tropfend-nasse, steile, brüchige Rinnen ...


... hoch zum Kamin. Über die Platte des Kamins rinnt der kontinuerliche Fluß eines kleinen Rinnsal. Am Fuß der Platte hat das Wasser den sandigen Boden in eine matschige Lehmfalle verwandelt, in die man mit jedem Schritt einige Zenitmeter einsinkt. Als ich den Beginn der Platte erreiche sind meine Kletterschuhe mit einer Zentimeter-starken Matschschicht versehen. Es wird bei Antrittsversuchen außerdem schnell klar, dass die zwar eigentlich sanft geneigte Reibungsplatte dank des kleinen Bächleins heute nicht zu bezwingen sein wird. 


Ich säubere zunächst meine Kletterschuhe so gut es geht, wobei jedes Auftreten die Schuhe gleich wieder einsaut. Über den heiklen Weg wieder runter ist keine Option, also muss es über den senkrechten Riegel am Fuß des Kamins gehen. Mit Vertrauen in die wiederhergestellten Reibungseigenschaften der Kletterschuhe trete ich hoch an. Oberhalb werden so gute Griffe, die halten, was sie von unten versprachen, erreichbar und ich kann den Riegel nach links querend ersteigen.

Blick vom erstiegenen Riegel auf das matschige Terässchen am Fuß des Kamins, das von den Platten unterhalb durch eine naße, brüchige Rinne erreicht wurde.
Oberhalb des Riegels steige ich aus dem schattig-feuchten, bedrohlichen Ambiente darunter auf eine sanfte Wiese (mit Markierungsstange) aus ...
 

... und mache erstmal Vesperpause.

Die Kletterei durch den feuchten Kamin, bzw. die ausweichende über den Riegel, gehört nicht zur Route, nach der man den Grat erst an meinem jetzigen Standpunkt bei der Markierungsstange erreicht. Da ich nicht den Originaleinstieg genommen, sondern die Zustiegsrinne bewußt bereits früher verlassen habe, was auch durchaus sinnvoll ist und einem schöne Krxlei beschert, und mich dann direkt aufwärts zum Grat gehalten habe, anstelle den Riegel mit dem abschließenden Kamin am Grat weiter unten zu umgehen, kam ich in den zweifelhaften "Genuß" dieser nicht vorgesehenen und empfehlenswerten Kletterei.  Es handelt sich bei diesem nach rechts offenen Kamin nicht um den im Topo vermerkten. Vielmehr gibt es aufgrund der Felsschichtung mehrere solcher Kamine am Grat.


Nach der Stärkung geht es direkt am Grat, der nach rechts senkrecht tief in die nebenliegende Schlucht abbricht, zum nächsten sperrenden Riegel.
 
Rechts oben ist am Grat der nächste sperrende Riegel zu erkennen (dunkel).
Man könnte diesen rechts seeeehr ausgesetzt über ein Band ca. 50 m über dem senkrecht darunterliegenden Schluchtboden gewinnen, wobei der Übergang zum Band mit null Spielraum für Fehler nicht trivial aussah.

Stattdessen steigt man am brüchigen Riegel entlang weit abwärts (ca. 70 - 80 m) ...

Abstieg entlang des Riegels
... bis man zum Fuß der Schlüsselstelle (4-) queren kann: dem im Topo eingezeichneten, nach rechts offenen Kamin, der entlang eines 40 m langen Rißes erstiegen wird. 



Es folgt wirklich tolle, interessante Kletterei ...


... im anfangs recht flachen Kamin.


Bald zieht der Riß etwas aus dem Kamin raus ...


... und es geht einfacher ...


... auf einen Absatz.

Rückblick über die Schlüsselstelle
Von hier geht es in der Verlängerung des Rißes einfacher (3) weiter hoch ...



... bis an die Gratkante.


Ein weiterer nach rechts offener Kamin :-)
Nun steht man vor der S-Krümmung des Grates, die durch bestes Krxlgelände (2) mit freier Routenwahl führt. Zunächst geht es in einem Linksbogen ...



Wamperter Schrofen Westwand
... zur Mitte des S, ...


... bevor man in einem Rechtsbogen ...



 ... zur letzten anhaltenden Dreierstelle (etwas ausgesetzt, links bricht es in eine Schlucht ab), die mit einigen Schlaghaken versehen ist, gelangt.


Diese bietet nochmal schöne Kletterei in festem Fels.


Oberhalb gibt es einen Schlaghakenstand.


Rückblick über die letzte Krxlstelle
Danach folgt leidliches Schuttwühlen ...


... hoch zum Westgrat, ...


... über den es in weiterer Fleißarbeit ...

Links Westliche, rechts Östliche Marienbergspitze

... hoch zum zweitürmigen Gipfel der Westlichen Marienbergspitze geht (~5,25 h vom P).


Östliche Marienbergspitze vor Grünstein
Bei einer Vesperpause genieße ich von einem schönen Rastplatz hoch über dem Schwärzkar die tollen Ausblicke.

Lechtaler
Hochwannig
Wolkige Blicke in den Westen
Wetterstein
Griesspitzen rechts
Nach der schönen Rast steige ich ab in die Scharte zwischen Westlicher und Östlicher Marienbergspitze, ...

Westliche Marienbergspitze
Östliche Marienbergspitze
... von wo eine brüchige Rinne ins Schwärzkar runterzieht.


Sonnenspitze und Wetterstein

Nach der Schneefeldmisere im Kaiser, habe ich heute Pickel, Steigeisen und entsprechende Schuhe dabei. Allerdings kommen diese Utensilien aufgrund der kümmerlichen Schneereste in der RInne heute nur, dafür umso effektiver, als konditionsförderndes Zusatzgewicht im Rucksack zum Einsatz.



Die Rinne ist bald geschafft ...



... und so geht es durch die Geröllwüste des Schwärzkars ...


Grünstein
Östliche und Westliche Marienbergspitze
Wamperter Schrofen aus dem Schwärzkar
... zur Biberwier Scharte und auf dem bezeichneten Weg am Einstieg der Sonnenzeit und ...


... der Silberwand vorbei ...


... runter zum P.

Rechts sieht man deutlich das markante S der weißen Schlange.
Das Gelände am Grat der Weißen Schlange läßt sich schön selbst erschließen und lohnend auf verschiedenen Wegen begehen. Eine zu starke Fixierung auf das Topo ist dabei aus meiner Sicht bei der Weitläufigkeit des Geländes eher hinderlich. Deshalb hatte ich mir dieses bewußt nur vor der Tour in der Vorbereitung angeschaut, während der Begehung nicht mehr. So kann man sich schöne Kletterstellen nach Gusto aussuchen und ist nicht versucht, eine handgroße Skizze mit der wunderschönen und gewaltigen Landschaft in Einklang bringen zu müssen.

Nichtsdestotrotz können folgende Hinweise und Fixpunkte als Orientierungshilfe für eine Begehung der Route dienen. Das Bachbett im Zustieg würde ich aufgrund des aufgetretenen Steinschlags erst so spät wie nötig betreten und dann auch schnell wieder verlassen. Die Zustiegsvariante durch die glatte Rinne ist lohnenswert, allerdings steigt die Schwierigkeit der Tour dadurch geringfügig an. Insbsondere bei diesem früheren Einstieg sollte man darauf achten, dass der Grat erst nach dem schon von unten oben an der Gratkante deutlich erkennbaren, nach rechts geöffneten Kamin gewonnen wird. Entlang des darauf bald folgenden Felsriegels muss wieder recht weit vom Grat abgestiegen werden, um in den Genuß der schönen Schlüssellänge in einem wieder nach rechts offenen Kamin entlang eines langen Rißes zu kommen. Ist der Grat nach dieser wieder erreicht, folgt man der vorgebenden S-Form der weißen Gesteinsschicht, sich oben an der Abbruchkante zur Schlucht linkerhand haltend. Zu guter Letzt ist aufgrund der Steilheit der Rinne aus der Scharte zwischen Westlicher und Östlicher Marienbergspitze bei Schnelllage auf jeden Fall mindestens ein Pickel zu empfehlen. 

Die Route ist komplett selbst zu sichern, was aufgrund des Zeitaufwands nur bedingt machbar sein wird. Lediglich am letzten Aufschwung unter dem Westgrat finden sich drei Schlaghaken.

Meine hohen Erwartungen an die Route wurden voll und ganz erfüllt, wenn nicht übertroffen! Landschaftlich handelt es sich hier um ein wahres Schmankerl, das man in meist verlässlichem Fels in völliger Einsamkeit genießen darf. Es gibt sehr ansprechende Kletterstellen, die über kurze Einzelstellen hinaus gehen und anhaltend den angegebenen Grat fordern (eher traditionell bewertet). Die Kletterlänge geht natürlich weit über die 200 Hm im Topo hinaus und liegt bei ca. 600 Hm. Es handelt sich somit um eine ausgewachsene alpine Unternehmung. 

Alles in allem in ihrer Gesamtheit sehr empfehlenswerte Unternehmung!

Gehzeit (ohne Pausen): 7 h
Gehstrecke: 17,1 km mit 1.580 hm



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