26.06.22

Überschreitung des Ofentalhörnls (2.513 m, T6-, III)

 

Das Ofentalhörnl ist ein doppelgipfeliger Berg im Hochkaltermassiv in den Berchtesgadener Alpen. Seit der Auflage des neuen Gipfelbuchs 2016 erhält der höhere Nordostgipfel (Hauptgipfel) ca. drei Besuche pro Jahr während der einfacher zu erreichende Südwestgipfel (kein Gipfelbuch) insbesondere im Winter im Rahmen der Skitour durchs Steintal häufiger frequentiert sein dürfte. 

Der Südwestgipfel entsendet einen aus Schichtplatten aufgetürmten Grat in nordwestlicher Richtung, die Ofentalschneid. Mit einem Anstieg über das Ofental und einem Abstieg über die Schneid lassen sich die beiden Gipfel vorteilhaft zu einer anspruchsvollen und sehr selten begangenen Überschreitung in unmittelbarer Nähe zum Hochbetrieb am Hochkalter kombinieren.

Aufgrund des G7-Gipfels in Elmau wählen Joseph und ich heute ein Ziel fernab des Kontrollwahns rund um das Treffen der Volksvertreter. So ist der Irrsinn wenigstens für die Entscheidung gut, den Berchtesgadenern endlich mal wieder einen Besuch abzustatten. Die Wahl fällt auf einen Vorschlag von Joseph, nämlich die Ofentalschneid, die er schon einmal begangen hat und die ich nicht weit oben auf meiner Liste habe. Letztendlich lasse ich mich, zunächst nur mässig begeistert, aufgrund des zu erwartenden Latschenkampfs beim Zustieg zur / Abstieg von der (je nach Gehrichtung) Schneid, überzeugen.

Los geht es am Parkplatz der Nationalpark-Infostelle südlich des Hintersees (EUR 6,00 / Tag). Wir folgen der Beschilderung "Hochkalter über Ofental" (7 h) zunächst durch das kuhreiche Klausbachtal bevor wir nach ca. 15 Min. den Bach überschreiten und den Anstieg hoch ins Ofental in der Nordwestflanke des Hochkaltermassivs beginnen. Der breite Weg schlängelt sich zunächst in weiten Kehren in mässiger Steigung aufwärts. Erste Blicke zur Reiter Alm auf der gegenüberliegenden Talseite bieten Gesprächsthemen für zukünftige Tourenpläne.

Mühlsturz- und Grundübelhörner

Auf ca. 1.320 m Höhe quert der Anstieg den die gesamte Flanke querenden Forstbegangsteig, woraufhin bald die letzte Stufe in wunderschön urtümlicher Landschaft ...

... vor dem Eintritt in das karge Ofental hochgewandert wird.

Zur Rechten baut sich die gebankte Ofentalschneid auf während der Weg zum Einstieg an der großen Plattenflucht am Talende noch in weiter Ferne wartet.

Wir machen eine erste Trinkpause, da wir der kräftigen Sonne ab hier schutzlos ausgeliefert sind.

Der weitere Weg führt uns monoton in Schutt auf dem meist im Abstieg vom Hochkalter begangenen Steig ins hintere Talende, wo wir diesen nach rechts zum höchsten Punkt des Geröllfelds unter dem mächtigen Plattenschild des Ofentalhörnls verlassen.



Hochkalter vom Einstieg in die Platten

Ofental

Am schattigen Einstieg machen wir bei dank Schneefeld kühlen Temperaturen eine Vesperpause bevor wir in die nur mässig geneigten Platten rechtshaltend einsteigen. Auch wenn es von unten nicht den Anschein macht, handelt es sich im unteren Teil zumeist um Gehgelände mit einzelnen Stellen I.

Einstieg in die Platten

Hochkalter

Joseph versucht vergeblich aus dem Tauwasser des Schneefelds seine Flasche zu füllen.

Nach oben hin halten wir uns links in Richtung eines plumpen Turms, der linkerhand umgangen wird. Einzelne, gutmütige Stellen II garnieren unseren Weg.


Rückblick Ofental

Ofentalschneid und Gelände vor der Querung nach links.

Nach der Linksquerung geht es eine plattige Rampe nach oben.

Ende der Querung nach links


Weiterhin bleibt das Gelände gut gangbar mit Stellen bis II.


Hinter der Ofentalscharte taucht der Hohe Göll und das Hocheck auf.

Am Gipfelaufbau wird das Gelände zunehmend schuttiger.

Joseph mit einem BW-Leuchtmittel

Hochkalter und Schönwandeck

Rückblick Anstieg

Bald erreichen wir den Ostgrat und wenige Augenblicke später den NO-Gipfel des Ofentalhörnls, ...

... wo wir bei traumhaften Ausblicken eine Vesperpause machen.

Loferer Steinberge und SW-Gipfel mit Ofentalschneid; links unten ist das grasige Band zu sehen, das es in der Überschreitung zum SW-Gipfel zu nutzen gilt.

Hocheisgruppe

Großer Hundstod

Watzmann Südspitze und Steinernes Meer

Watzmann

Nach Studium der wenigen Einträge im Gipfelbuch machen wir uns an die Überschreitung zum SW-Gipfel. Zunächst geht es wenige Meter am Ostgrat auf dem Anstiegweg zurück bevor in schuttigem Gelände unproblematisch nach links entlang einer Rippe abgestiegen wird. Bei einem Steinmann vor einem Turm in der Rippe wird diese überschritten. Nun findet man sich auf einem mässig geneigten plattigen Podest unterhalb des NO-Gipfels wieder. Um vom Podest in die darunter befindliche Rinne zu gelangen, gibt es zwei Möglichkeiten: einen Riß in der Mitte des Podests (Schlaghaken) oder auf einer gestuften Rippe am Abbruch des Podests Richtung Ofental. Wir entscheiden uns für die ausgesetzte Variante auf der Rippe.

Gestufte Rippe vom Podest in die Rinne

Abstieg vom Podest im Rückblick: rechts der Bildmitte der Riß, links unser Abstieg
 
Mittig der Riß vom Podest, links unsere Abstiegsvariante über die Rippe

Nun steigt man nicht in der Rinne nach links oben auf, sondern folgt ihr wenige Meter nach unten bis man jenseits der begrenzenden Rippe aufsteigen kann ...

Die Rinne geht es bis in die rechte untere Bildecke nach unten bevor auf ihr nach links oben aufgestiegen wird.

NO-Gipfel mit Rinne

... bis zum Kamm zwischen NO- und SW-Gipfel. Vom Kamm geht es auf der Wimbachseite einen Kamin (II) in eine erdige, gelbe Geröllrinne hinab.

Joseph beim Abstieg in die Geröllrinne auf der Wimbachseite
 
Nach dem Kamin folgt ein weiterer Absatz in der Rinne, der über eine Rippe (ebenfalls II) abgeklettert werden kann.

Auf der Rippe rechts wird der Absatz in der Rinne abgestiegen.
 
Nun geht es im Schutt der Rinne diese weitere 10 m abwärts bis zu ihrem Abbruch Richtung Wimbachgrieß, wo man die Rinne über eine Engstelle (II) auf ein danach komfortabel zu begehendes Band verlässt.

Blick vom Band ins Wimbachgrieß

Joseph auf dem Band unter dem SW-Gipfel

Das wunderschöne Wimbachgrieß mit Watzmann Südspitze, Steinernem Meer und Hundstod

Auf dem Band quert man in Gehgelände die Südostflanke des SW-Gipfels unter diesem hindurch bis man wenige Meter südlich des Gipfels aus der Flanke aussteigt.

Joseph auf den letzten Metern der Querung.
 
Exkurs: Der Übergang vom NO- zum SW-Gipfel wird im AVF (Berchtesgadener Alpen mit Hochkönig, 2015) auf der Wimbachseite beschrieben (2133, III). Dazu müsste man vom Ostgrat des NO-Gipfels (wo wir auf der Ofentalseite abstiegen) nach rechts (Wimbachseite) auf ein passendes Band in die sehr ausgesetzte Wand einsteigen (s. Foto unten). Keines der Bänder führt ununterbrochen bis in die Rinne, die wir aus der Ofentalseite erreichten, d.h. man muss in der ausgesetzten Wand auf höher oder tiefer gelegene Bänder wechseln, um die oben beschriebene Rinne zu erreichen. Von dort ist der Weg dann gleich dem unserigen, bzw. unser Band ist die Fortsetzung der Bänder, die schon vom NO-Gipfel rüberziehen und u.a. durch die schuttige, gelbe Rinne unterbrochen werden.

Die Bänder vom NO-Gipfel bis zur gelben Rinne (verdeckt) sind gut auszumachen, aber, da nicht durchgängig, nicht einfach zu begehen.
 
Am Kirchendach des SW-Gipfels machen wir abermals eine Pause, genießen die absolute Ruhe und schöne Wolkenspiele.

Joseph am SW-Gipfel

Rückblick zum höheren NO-Gipfel

Wolkenfetzen ziehen vom Wimbachgrieß über die Steintalscharte.

Loferer Steinberge, Wilder und Zahmer Kaiser

Hocheisgruppe

Ofentalschneid

Hochkalter

Rückblick NO- (links) und SW-Gipfel mit Abstieg vom NO-Gipfel bei dem Turm links unter diesem und von dort hoch in die Scharte zwischen den Gipfeln.
 
Nach der Pause geht es entspannt in Gehgelände die Ofentalschneid entlang ...



Ofentalscharte und -hörnl (rechts)

Rückblick Ofentalhörnl und anfängliches Gehgelände Ofentalschneid
 
... bis sich erste leichte Krxlstellen finden. Die Gesteinsqualität ist dabei kritisch zu prüfen. Ich bin jedenfalls überrascht, wie brüchig der Fels (auch großflächig) an vielen Stellen ist und Schutt liegt sowieso überall viel rum.

 
Größtenteils bleibt es aber im oberen Drittel der Schneid bei sehr gutmütigem Gelände ...

 
... bis wir bei ca. der Hälfte der Schneid auf die ersten ernsteren, allerings immer kurzen Aufschwünge treffen.

 
In unsere Gehrichtung (Abstieg über die Schneid) handelt es sich bei den Aufschwüngen um die Abbrüche der augeschichteten Platten, die wir danach in die Scharte vor dem nächsten Aufschwung abklettern dürfen (bis II, gutgriffig).

Abstieg über die aufgeschichteten Platten zum nächsten Aufschwung.

Abzukletternde Platten im Rückblick
 
Ein Aufschwung wird leicht nördlich der Schneid durch eine kurze Verschneidung gewonnen.

Rückblick nördliche Verschneidung
 
In diesem Muster geht es immer an der Gratkante weiter. Einen Aufschwung, den Joseph vogelwild mit eingen hundert Metern Luft unter der Sohle in der Nordseite gewinnt, umgehe ich wenige Meter in die Südflanke (Steintalseite) absteigend (keine Fotos).

Weiterer Aufschwung an den Abbrüchen der aufgeschichteten Platten
 
Ein weiterer Aufschwung wird über eine plattige Stelle, die mit einer Bandschlinge entschärft ist (III/III+), erstiegen. Die Schwierigkeit umfasst nur einen Zug, allerdings muss man sich bei normaler Körpergröße gut nach dem lösenden Griff strecken (oder in die Schlinge greifen).
 

Weiterer plattiger Abstieg


Steintalschneid, dahinter Hocheisspitze, Hinterberghorn und Hocheishörnl

Loferer Steinberge hinter Steintal
 
Allmählich zeigt sich erstes Gras an der Schneid ...

 
... und nach links (Abstiegsrichtung; im Bild nach rechts) könnte man durch schroffige Rinnen ins Steintal absteigen.

Rückblick Abstieg an der Schneid im letzten Drittel
 
Wir bleiben der Schneid treu ...

 
... und klettern eine letzte, ausgesetzte Kante (III-) mit abermals zweifelhafter Gesteinsqualität ab.


 
Schlußendlich verlassen wir die Schneid auf Wiesen an der Latschengrenze.

Bei den Wiesen unten verlassen wir die Schneid.

Blick Richtung Hintersee

Rückblick von der Wiesenfläche zu den letzten Felsmetern.
 
Obwohl der Plan vorsieht, ins Steintal abzusteigen, lassen wir uns von guten Gamslatschengassen leiten und gelangen so ohne Latschenkampf immer weiter auf die Ofentalseite, ...

 
... in der wir von Band zu Band in steilem Geläuf weglos absteigend ...



 
... bald den Talboden und somit den Steig des morgendlichen Aufstiegs erreichen.

Abstiegsflanke Ofentalschneid (Vorsicht: Steiles, wegloses Steilschrofengelände in brüchigem Fels! Nur bei guter Wegfindungsgabe und Trockenheit unkompliziert begehbar.)

Strecke (GPS): 19,1 km mit 1.781 hm
Zeit (ohne Pausen): 8,25 h

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