07.08.21

Komplette Soiernumrahmung

Die Soierngruppe ist ein dem Karwendel nördlich vorgelagerter Gebirgsstock. Unter der Soiernumrahmung wird meist die Begehung des Hufeisens über dem Soiernkessel zwischen Schöttelkarspitze (2.050 m) und Soiernspitze (2.257 m) auf gut erschlossenen und viel begangenen Wanderwegen verstanden. Jedoch entsenden beide Berge lange Kämme in nordöstlicher Richtung, die einige selten besuchte, teils sogar weglose Gipfel tragen, die ebenfalls zur Soierngruppe zählen. Bei einer Begehung dieser beiden Ketten, die erst zum Rißbach hin abflachen, und des Hufeisens über dem Soiernkessel lässt sich somit die gesamte Soierngruppe umrahmen. 

Im Kopf habe ich den Plan der Soiernumrahmung schon seit längerer Zeit. 2016 beging ich die südliche Kette des Galgenstangenkamms bis zur Soiernspitze und meine erste Tour in diesem Jahr am 02.01.2021 führte mich mit Joseph über die östlichen Gipfel der nördlichen Kette vom Brünsteck bis zur Fischbachalm. Allerdings fiel die Wahl bisher immer auf andere Ziele, wenn die Tage lang genug für die gesamte Umrahmung waren. Aufgrund des zu erwartenden Ferienverkehrs und der vorhergesagten abendlichen Wetterinstabilität entschied ich mich nun relativ kurzentschlossen gegen technisch anspruchsvollere, weiter entfernte Ziele und für die Soiernumrahmung.

Nach kurzer Überlegung entscheide ich mich für eine Begehungsrichtung über die nördliche zur südlichen Kette. Gründe für die Entscheidung sind:

  • Der Abschnitt zwischen Brünsteck und Grasbergalm ist weglos und ich möchte am Ende der langen Unternehmung bei niedriger Motivation ungern potentielle Verhauer nochmal zurücklaufen müssen 
  • Der Abstieg vom Brünsteck ist bei Verlust der teils schwachen Steigspuren auf direktem Weg im steilen Gelände nicht an allen Stellen möglich. Auch hier möchte ich unnötiges Hin und Her vermeiden.
  • Die Gegenanstiege von der Fischbachalm zum Hohen Grasberg und von der Grasbergalm zum Pfetterkopf sind länger als die Gegenanstiege am Galgenstangenkamm. Von daher eignet sich der zum Ausgangspunkt abflachende Galgenstangenkamm besser für das Ende der langen Tour.

Einziges Manko dieser Gehrichtung ist, dass man somit die Möglichkeit verliert mit einem Aufstieg über den Nordostgrat der Soiernspitze ein signifikantes Streckenstück mit über 300 hm Gegenanstieg abkürzen zu können (sofern man einen Abstieg über diesen nicht in Betracht zieht). Allerdings würde der brüchige, ausgesetzte Nordostgrat mit einer wesentlich höheren Schwierigkeit den technischen Anspruch der Runde deutlich verändern. 

Start ist um kurz vor 6 Uhr am Parkplatz in Vorderriß. Auf der gegenüberliegenden Seite des weiten Rißbachbetts wabern letzte Nebelfetzen um das erste Ziel, das Brünsteck.


Kurz entlang der Isar ...

... geht es bald von der Forststraße Richtung Krün in südlicher Richtung abzweigend in einem Bachbett ein paar Meter aufwärts ...

... bis dieses auf einer deutliche Steigspur nach rechts verlassen wird. Eine detailierte Beschreibung des Steigs zum Brünsteck mit Turn-by-turn-Beschreibung findet sich hier.

Auf dem meist recht deutlich erkennbaren Steig geht es in weiten Bögen und angenehmer Steigung mit bald schönen Blicken ...

Blick über Vorderriß und Sylvensteinspeicher nach Osten

... und verblassenden Markierungen ...

... am Ende steiler ...


... zum neuen Gipfelkreuz des Brünstecks.

Ab hier geht es im nassen Gras weglos am Kamm Richtung Westen weiter.

Bei einem Sprung über einen umgestürtzten Baum lande ich auf einer im hohen Gras verborgenen Unebenheit und verdrehe mir das Sprungelenk heftig. Da mein Sprunggelenk aufgrund häufiger Bänderdehnungen früher beim Basketball nicht das Stabilste ist, bin ich das Umknicken bei Bergtouren schon gewöhnt. Allerdings ist der Schmerz diesmal deutlich größer als sonst. Ich schnüre mir die flachen (tja ...) Trailrunner so eng es geht und versuche unverzüglich weiterzugehen. Die nächsten Minuten sind geprägt von Überlegungen an Abbruch und Ärger über die eigene Dummheit. Die neuen, flachen Schuhe, die völlig durchnässt sind und in den mein Fuß somit sehr schlecht Halt hat, sind gleichzeitig die denkbar schlechteste Wahl für dieses, aber die beste Lösung für das später folgende Gelände.

So wandere ich zornig-schmerzig dahin ...




... zum Pfetterkopf ...

... und entschließe mich auf der Almfläche der Grasbergalm zunächst mal weiterzugehen.

Pfetterkopf und Grasbergalm im Rückblick

Auf einem schwach markierten Steig geht es von der Grasbergalm durch Latschen ...

Heimgarten, Herzogstand, Walchensee und Jochberg

... zum schrofigen Gipfelaufbau des Hohen Grasbergs.

Am Gipfel mache ich eine erste kurze Pause ...

... mit Ausblick auf die nächsten Ziele der Runde.

Rechts die Ochsenstaffel ist das nächste Ziel. Ganz links sieht man den Aufschwung von der Gumpenkarspitze zur Krapfenkarspitze, die ich nachmittags ebenfalls überschreiten werde.

In der Panoaufnahme lässt sich der weitere Wegverlauf am Grat über die Gipfel der Gruppe noch etwas besser nachvollziehen.

Pano Soiernhufeisen

Soiernspitze etwas rechts der Bildmitte und der sich links anschließende Galgenstangenkamm mit Gunmpenkar-, Krapfenkar- und Dreierspitze

Das Ende des Galgenstangenkamms auf der anderen Talseite markiert das Ende der Umrahmung

Rückblick über die bisherige Strecke



Blick nach Wallgau und Krün

Ich tape meinen lädierten Knöchel mit etwas Griptape, das ich als Allzweckverband immer dabei habe, und überschreite den Westgipfel des Hohen Grasbergs ...

Blick vom West- zum Kreuzgipfel des Hohen Grasbergs

... Richtung Fischbachkopf, ...

Fischbachkopf

... den ich weglos bald erreiche.

Höchster Punkt Fischbachkopf und Rückblick zum Hohen Grasberg

Im Abstieg vom Fischbachkopf verliere ich einige Minuten, da ich sinnbefreit versuche direkt zur Fischbachalm abzusteigen. Das Geläuf wird mit meinem instabilen Fuß schnell zu steil und ich muss umständlich zum Steig zurückqueren.

Das nächste Ziel ist die Ochsenstaffel.Der Steig quert in Bildmitte die gesamte Flanke.

Über die Fischbachalm geht es auf dem Steig über dem Lakaiensteig (und nicht durch eine sich anbietende direkte Geröllrinne) ...


... in den Sattel zwischen Ochsenstaffel und Schöttelkopf. Vom Sattel muss man dann zur Ochsenstaffel zwar ein Stück zurück Richtung Osten aufsteigen, aber nach weiteren Abenteuern im weglosen Gelände steht mir der Kopf heute nicht mehr.


Türmchen bei der Ochsenstaffel

Schöttelkopf

Gipfelkreuz Ochsenstaffel


Soiernhufeisen

Rückblick nach Osten

Zurück über den Sattel ...

Rückblick Ochsenstaffel

... geht es schnell auf den Schöttelkopf ...

... und weiter über die Plüschköpfe ...



... zum Gamsschartl, der tiefen Scharte vor der Schöttelkarspitze. Da ich mich auch hier nicht gescheit informiert hatte, ist der Weg zur Scharte nicht sofort offensichtlich. Am steilen Abbruch direkt zur Scharte geht es jedenfalls nicht runter, wovon ich mich nach einigen Minuten rumgeeiere überzeugen kann.

Es geht schon deutlich vor dem Abbruch bei einem Steinmann unschwierig in der Flanke nach Norden hinunter, ...

Beim Steinmann links geht es scharf rechts hinunter.

... wo man an einem Block drei orangene Markierungspunkte erkennt.

Markierungen am Block unten.

In der Folge weisen die Markierungen über gut gestufte und begehbare Bänder ...

... den Weg in die Scharte, ...

... die zuletzt über eine Eisenleiter erreicht wird.

Der direkte Abbruch in die Scharte ist nicht gangbar.

Aus der Scharte geht es in leichter Steigerei (wenige Meter I, im Bild rechts) ...

... am Grat entlang weiter Richtung Schöttelkarspitze. Am Gratkopf vor dem Gipfel, den ich dem gut bevölkerten Gipfel vorziehe, mache ich meine Mittagspause.

Dem Gipfel der Schöttelkarspitze statte ich selbstverständlich trotzdem einen kurzen Besuch ab und ...

Weiterer Weg zur Soiernspitze

Mittenwald

Gipfel Schöttelkarspitze

... setze meinen Weg auf den bestens ausgeschilderten Wanderwegen am Hufeisen der Soierngruppe ereignislos fort.



Nach ca. einer Stunde erreiche ich den Gipfel der Soiernspitze.

Soiernspitze und links der Galgenstangenkamm

Hier mache ich nochmal Pause und esse den Rest meines Brots. Mittlerweile fühle ich mich schon recht ausgelaugt und meine Trinkvorräte sind so gut wie aufgebraucht, was mir ein schlechtes Gefühl gibt.

Nach ca. 20 Min. steige ich in der Südflanke der Soiernspitze ab.

Gegenüber grüßen die Bekannten der nördlichen Karwendelkette herüber.

Hochkarspitze und Wörner

Zentral der Bäralplsattel

Östl. Karwendel- und Vogelkarspitze

Blick ins Vorkarwendel

Beim Abstieg lade ich zwei Kameraden, die zur nahen Fereinalm abstiegen, auf ein Bier im Tausch gegen einen Liter ihres aussen am Rucksack mir sofort in die Augen stechenden, frischen Sprudelwassers ein. Ohne von dem Wasser getrunken zu haben geht es mir nach dem Tiefpunkt an der Soiernspitze sofort, allein aufgrund der Sicherheit wieder zu trinken zu haben, besser.

Am langen Querungssteig Richtung Jägersruh komme ich außerdem an einer aus einer Quelle gespeisten Kuhtränke vorbei, an der ich meine Flaschen abermals auffüllen kann. Insgesamt ist meine Planung mit 2,5 l grandios zu kurz gegriffen.

Der Gegenanstieg zur Jägersruh, kunstvoll in geringer Steigung für den fußfaulen Herzog angelegt, läuft sich mit müden Beinen sehr gut. Trotzdem müssen hier vom tiefsten Punkt bis zur Krapfenkarspitze nochmal 400 hm abgespult werden.

Jägersruh

Bäralp- bis Vogelkarspitze

Soiernspitze NO-Grat



Jägersruh

Im Sattel angekommen sehe ich, dass einige Wolken aufgezogen sind. Allerdings sieht das Wetter noch gut aus und Niederschläge sind erst ab 20 Uhr vorhergesagt. Das sollte mir genug Zeit für den Galgenstangenkamm geben. Außerdem bin ich nun auf keinen Fall mehr von der Komplettierung der Runde abzubringen, da ich mir sicher bin, dass es einen weiteren Versuch nicht geben wird.

Soiern NO-Grat

Soiern NO-Grat im Zoom

Aufstieg zur Gumpenkarspitze

Blick rüber zur Schöttelkarspitze

Also hoch zur Gumpenkarspitze ...


... und weiter Richtung Krapfenkarspitze.


Krapfenkarspitze


Der weitere Gratverlauf nach der Krapfenkarspitze, eigentlich Genußgelände

Gipfelanstieg Krapfenkarspitze

Pano: Soiernhufeisen

Soiernhufeisen

Krapfenkarspitze

Am Gipfel der Krapfenkarspitze weht bereits ein stark böiger Wind. Ich freue mich über die Erfrischung und die schönen Wolkenspiele am Grat.

Der Abstieg von der Krapfenkarspitze in karstigem Geröll erfordert mit meinem lädierten Fuß nochmal erhöhte Aufmerksamkeit.


Dreierspitze wird eingehüllt.

Rückblick Krapfenkarspitze

In der Folge zieht es am Grat bei immer stärker wehendem Wind blitzschnell zu ...

... und ich beginne bei einsetzenden Schauern gehörig Gas zu geben.

Es ist eine gespenstisch-schaurige Stimmung.

Kurzzeitig setzt Hagel ein, der bald in Regen übergeht, und ich befürchte von einem Gewitter am Grat eingeholt zu werden.

Gipfel Baierkarspitze

Bei geringer Sicht fokussiere ich mich voll auf sichere, aber schnellstmögliche Schrittsetzung. Von Genuß kann hier keine Rede mehr sein. Es geht jetzt nur noch darum, wohlbehalten vom Berg zu kommen.

Fotos mache ich erst wieder als ich den Wald unterhalb des Galgenstangenjochs erreicht habe. Hier kann ich an verschiedenen Kuhtränke nochmals meine Flaschen auffüllen und es überrascht mich ein brandneuer, nicht in den Karten verzeichneter Wirtschaftsweg Richtung Möslalm, der mir den langen Umweg über die Paindlalm erspart. Aber auch so ist es ein weiter Weg ...

Hinten zwischen den Bäumen ist mein Ausgangspunkt, Vorderriß, zu erkennen.

... bis ich in Vorderriß komplett durchnässt wieder das Bachbett auf den letzten Metern quere.

Gehstrecke: 40 km mit 3.200 hm
Gesamtzeit: 14 h

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