07.08.17

Ehrwalder Sonnenspitze "Sonnenzeit" (VI-, 15 SL)


“Obwohl die Ehrwalder Sonnenspitze als imposante Felsgestalt weithin sichtbar über dem Tal thront, war sie zu unrecht aus dem Fokus der Bergszeigerszene gerückt. Inzwischen wurden an der Westwand schöne Routen in gutem bis sehr gutem Fels eingerichtet. Die durchaus als alpin zu bezeichnenden Routen folgen nicht dem allgemeinen Trend zur klettersteigähnlichen Absicherung, sondern stellen durchaus Anforderungen an das alpine Können der Wiederholer. Das heißt aber nicht das bei Stand- und Zwischenhaken vollkommen auf Bohrhakenmaterial verzichtet wurde. Nach der Gipfelrast mit Ersteklasse-Ausblick folgt noch ein aufregender Abstieg über den teilweise drahtseilversicherten „Normalweg“.”

- Panico Kletterführer Wetterstein Süd & Mieminger Kette

Nach den Regenfällen am Vortag und in der Nacht und der regional teils instabilen Wetterlage entschieden Andrea und ich uns entgegen anderer Pläne für die Route "Sonnenzeit" durch die Westwand der Sonnenspitze. Da die Sonne schon am Vormittag in die Wand dreht und man sich beim südseitigen Abstieg von der Sonnenspitze und runter nach Biberwier ununterbrochen im Sonnenschein bewegt, ist die Tour nicht unbedingt für den Hochsommer zu empfehlen. Aufgrund der gemäßigten Temperaturen war das Klettern in der Sonne aber heute sehr viel angenehmer als in den schattigen, feuchten Seillängen am doch recht kühlen Wandfuß und auch die Temperatur im Abstieg hielt sich im ertragbaren Bereich. Die Entscheidung für die Tour war somit goldrichtig.

Die "Sonnenzeit" führt in 15 SL auf ca. 700 Klettermetern über einen mächtigen Pfeiler in der ca. 500 m hohen Westwand der Ehrwalder Sonnenspitze auf den Südgrat knapp unterhalb des Gipfels. Die Schwierigkeiten erreichen an Stellen den VI. Grad (es finden sich Bewertungen von VI- und VI in verschiedenen Topos), meist ist man im IV. - V. Grad in überwiegend festem Kalk unterwegs. Es gibt allerdings auch fünf leichtere Überbrückungsseillängen (I - III) in flacheren, schrofigen Abschnitten, in den eine Menge Schutt rumliegt. Die Seillängen sind zwischen 45 und 50 m lang und meist mit 3 - 5 gebohrten Zwischensicherungen versehen, in den leichten Längen weniger. Einige Zwischensicherungen sind zur besseren Orientierung mit Schlingen versehen. In den Topos werden mobile Sicherungsmittel angeraten, die wir deshalb auch dabei hatten. Letztendlich legten wir allerdings nur einmal zu Übungszwecken ein Klemmgerät. Die gebohrten Standhaken sind mit Seilschlinge verbunden und bis zur 10. SL zum Abseilen eingerichtet.

Los gehts am P beim Hotel "My Tirol" ... 


... über den Panoramaweg zum Knappensteig und auf diesem in mäßiger Steigung ... 




... hoch Richtung Biberwierer Scharte. Auf ca. 1.800 m quert der Steig eine sandige Schuttreiße nach rechts. Am linken Rand der Reiße geht es entlang von Latschen aufwärts an den Wandfuß. 


Hier ist etwas Vorsicht geboten, da selbst große Felsbrocken im sandigen Untergrund schnell in den drunter querenden Steig losgetreten werden können. Schlußendlich steigt man links über schuttig brüchige Schrofen auf einen dem Pfeiler vorgelagerten Kamm - hier findet sich der Einstieg (1,5 h bis hierhin). Nachdem wir gemütlich angeseilt und einer weiteren Seilschaft beim Klettern vom ersten Stand zugeschaut hatten, ging es in die feuchte und kalte erste SL, die sich aber trotzdem entspannt klettern ließ.

Oben links läßt sich die naße V-er Stelle in der ersten SL erkennen.
Im Tal hält sich die Bewölkung hartnäckig

Noch ist es schattig in der kalten Wand

Rückblick vom ersten Stand
Die zweite SL (IV+) übernahm dann Andrea souverän, ...

Die zweite SL geht rechts oben aus dem Bild

Andrea im Vorstieg in der zweiten SL.
... bevor wir nach einer leichten SL (III) zur Schlüssellänge (4. SL, VI- oder VI, je nach Topo) der Tour kamen. Da wir im Überschlag kletterten, war Andrea im Vorstieg. Sie schlug sich in den nicht einfachen Platten bei recht weiten Hakenabständen tapfer, so daß ich komfortabel nachsteigen konnte.

Im unteren Teil der 4. SL geht es nach links zum Latschenbusch hoch.
Rückblick untere Hälfte 4. SL
Obere Hälfte 4. SL
Rückblick obere Hälfte 4. SL
Nach einer weiteren leichten Länge (5. SL, III), ...


... standen wir vor dem Aufschwung der 6. SL (V+).


Rückblick 6. SL und auf das Gehgelände der 5. SL
Rückblick vom Stand nach der 6. SL
In der 7. SL geht es plattig, aber einfacher als zuvor weiter.


#netsovuihackerl
Blick runter nach Biberwier und Lermoos
In der 8. SL steht ein plattiger, aber gutgriffiger Quergang (VI- oder VI) an.



Hinten sieht man die Biberwierer Scharte


Nach einer weiteren leichten Länge (9. SL, III) ...


... gelangten wir zum Gehgelände der 10. und 11. SL, ...



... wo wir uns eine Pause gönnten ...


... und die tolle Aussicht genoßen.

Blick nach Westen mit Blind-, Mitter- und Weißensee
Grünstein, Marienbergspitzen und Wamperter Schrofen
 Gestärkt starten wir in die Ausstiegswand ...



... mit der 12. SL (IV) ...


... an deren Ende man zum Wandbuch kommt.


Die Seillängen 13 - 15 bieten schöne, abwechselungsreiche Kletterei in der einigermaßen steilen Ausstiegswand.

13. SL
Blick vom Stand nach der 13. SL
Andrea kommt nach in der 13. SL
Steiler Aufschwung zu Beginn der 14. SL
14. SL
15. SL
Der Ausstieg auf den Südgrat in der 15. SL ist beim Block rechts oben im Bild.
Andrea genießt den Ausblick am Ausstieg
Vom Ausstieg kann man über die letzten Seillängen des Südgrats ... 
Südgrat kurz unterm Gipfel
... oder über den wenige Meter entfernten Normalweg ...




... zum Gipfel aufsteigen. Da uns die Kletterschuhe schon zwickten, tauschten wir diese gerne gegen bequemere Schuhe, packten den ganzen Krempel weg ...




 ... und stiegen ohne Rucksäcke in wenigen Minuten auf dem Normalweg zum Gipfel auf.



No. 1 und 2
Tajaköpfe und Griesspitzen
Grünstein, Mariebergspitzen und Wamperter Schrofen
Runter ging es über den südseitigen, teils drahtseilversicherten Normalweg (T4+). Dieser ist gut mit Farbe und Steinmännern markiert, erfordert allerdings nochmal Konzentration nach einem bereits recht langen Klettertag. 





Über die Biberwierer Scharte ...


Neutour "Sissi Travers" (5c, 5 SL) und Klettergarten von Christoph Hainz
... geht es auf dem Weg 814 vorbei am Einstieg ... 



... auf dem Anstiegsweg ... 



... in der langsam sinkenden Sonne runter zum Ausgangspunkt (vom Gipfel bis zum P ca. 3 h).



Die "Sonnenzeit" ist eine tagesfüllende, alpine, ausreichend gesicherte Kletterroute in größtenteils sehr gutem Fels durch eine imposante Wand auf einen formschönen Berg. Die Kletterei ist in der Schwierigkeit recht inhomogen, da ca. 1/3 der Tour aus Geh- oder leichtem Kraxlgelände besteht. Dies ist für uns kein negativer Punkt, sondern bietet Zeit die schönen Impressionen und Ausblicke genießen zu können und unterstreicht - zusammen mit dem Abstieg bis zur Biberwierer Scharte - den alpinen Charakter der Unternehmung. Aufgrund der Ausrichtung und Länge der Unternehmung eignet sich die Tour besonders für nicht allzu heiße Sommer- und nicht zu kurze Herbsttage. Alles in allem ein lohnenswerte Unternehmung in toller Umgebung, an der vermutlich eher kletternde Bergsteiger als Sport- oder Plaisirkletterer Freude haben werden.

Strecke: ca. 14 km mit 1.360 Hm
Kletterzeit: 5 h
Gesamtzeit (ohne Pausen): knapp 10 h



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